Was erwartet Florian Fritsch auf der European Tour?

Florian Fritsch hat es geschafft. Mit einer überragenden Schlussrunde hat er sich zu unser aller Freude in der Qualifying School zur European Tour bis auf Platz 6 hochgeschossen, die Spielberechtigung für 2011 und nebenbei auch noch 5645 Euro erspielt. In der kommenden Saison wird Fritsch auf Platz 6 in Kategorie 11b der European Tour Exemptions eingegliedert. Was bedeutet das genau? Die Felder der Turniere zur European Tour (und jeder anderen Tour) werden nach Prioritäten bestückt. Wer die höhere Kategorie hat, wird vor jemandem mit einer niedrigeren Kategorie berücksichtigt. Gemessen an der Exemption Liste vom vergangenen Jahr wird Fritsch mit seiner Platzierung etwa an 170. Stelle berücksichtigt. Bei Feldern, die meist so um die 150 Spieler groß sind, müssen also nur gut 20 Spieler vor ihm nicht antreten, damit er spielen kann. Aufgrund der individuellen Turnierkalender aller Spieler also kein Problem. Schwieriger wird es da schon bei Turnieren, die gemeinsam mit der Asian Tour bestritten werden, bzw. bei solchen, die durch hohe Antrittsgelder viele Stars aus dem Ausland anlocken, wie bei den Turnieren im Nahen Osten.

Im Fall Florian Fritsch kommt noch ein weiteres Problem hinzu. Aufgrund seiner im letzten Jahr aufgetretenen Flugangst werden für ihn Turniere in Asien (und wohl auch Afrika) vermutlich ohnehin nicht in Frage kommen. Sollte er von seiner Phobie nicht geheilt werden, bedeutet dies, dass er wohl die ersten drei Turniere für die er startberechtigt wäre – die South African Open, Joburg Open und das Avantha Masters – auslassen wird und aller Voraussicht nach am 17. März bei der Sicilian Open und/oder eine Woche später bei der Open de Andalucia seinen Einstand geben wird.

Das Auslassen birgt ein paar Risiken für das Behalten der Tourkarte. Denn über allem lauert das sogenannte Re-Ranking. Zwei Mal im Jahr werden die Mitglieder der Kategorie 11 (die 34 über die Q-School Qualifizierten sowie die Plätze 11-20 der Challenge Tour vom Vorjahr) anhand der aktuellen Saison-Ergebnisse neu durchgewürfelt. Die 20 Spieler, die das meiste Geld eingespielt haben, rücken an die Spitze der Kategorie, der Rest wird in der alten Reihenfolge dahinter eingegliedert. Das bedeutet: Je nach Erfolg wird Florian Fritsch nach dem ersten Re-Ranking, das im Anschluss an die Mallorca Open Mitte Mai stattfinden wird, zwischen Platz 1 und 26 in Kategorie 11 eingegliedert (Fredrik Ohlsson fiel im Vorjahr von 6 auf 24). Ein Unterschied, der die Teilnahme oder Nichtteilnahme an 5-6 Turnieren bedeuten wird, darunter so lukrative Events wie die Open de France, die Scottish Open oder das European Masters in Crans-sur-Sierre.

Mit weniger Turnier-Teilnahmen wird es entsprechend schwieriger das notwendige Geld zum Halten der hervorragenden Ausgangssituation zusammenzubekommen. Im vergangenen Jahr sah die Finanzlage vor dem Re-Ranking folgendermaßen aus:

  1. 280.099,73
  2. 83.687,75
  3. 77.470,00
  4. 75.184,37
  5. 71.652,65
  6. 71.447,50
  7. 64.807,86
  8. 60.881,15
  9. 49.375,00
  10. 48.185,00
  11. 43.918,20
  12. 42.758,40
  13. 37.333,33
  14. 35.664,50
  15. 33.880,00
  16. 33.250,50
  17. 32.889,81
  18. 32.541,33
  19. 29.477,00
  20. 28.945,00

Zum Verteidigen der guten Position wären also grob geschätzt 70.000 Euro nötig. Eine große Herausforderung, da bis Mitte Mai gerade einmal vier Turniere auf dem europäischen Festland stattfinden – eventuell wäre noch die Trophée Hassan II in Marokko ein erreichbares Ziel ohne Flugzeug. Die Konkurrenten in seiner Kategorie haben hingegen theoretisch zehn Turniere zur Verfügung um auf das nötige Kleingeld zu kommen, für das man aufgrund der niedrigen Dotierung der Turniere entweder eine Top-3-Platzierung, zwei Top-5-Resultate oder drei bis vier Ergebnisse in den Top 10 benötigt. Eine Ausgangslage, die zwar nicht aussichtslos ist, aber schwierig. Wir sollten jetzt also nicht den Fehler begehen und Florian Fritsch mit Erwartungen und Hoffnungen belasten. Er selber wird dies sicher nicht machen, das zeigt schon seine realistische Selbsteinschätzung in einem Interview auf der European-Tour-Homepage: “Ich kann mich in so viele Turnieren einschreiben wie ich will. Wenn ich nicht fliegen kann, kann ich nicht spielen. Wenn ich das nicht bewältige, ist die Tour-Karte nutzlos.”

Hoffen wir also in erster Linie, dass Florian Fritsch sein Problem überwinden kann. Denn der 25-Jährige ist derzeit sicherlich das größte Talent, das der deutsche Golfsport nach Martin Kaymer hat. Daher dürfte er sich auch auf der European Tour etablieren können, wenn er irgendwie zu genügend Starts kommt. Hilfreich könnte dabei das Beispiel von Stephan Gross Jr. sein. Nachdem der im letzten Jahr sang- und klanglos auf der European Tour scheiterte, muss er 2011 wieder zurück auf die EPD-Tour. Ein Absturz, den Florian Fritsch sicher vermeiden will und wobei – so bizarr das klingt – die Flugangst hilfreich sein könnte. Schließlich kann Fritsch während seiner reisebedingten Auszeiten einfach auf der Challenge Tour aufteen und sich neben ein wenig Preisgeld auch eine Sicherheitsdecke für die 2012er Saison erspielen. Und wer weiß? Vielleicht gelingt ihm ja das Kunststück trotz weniger Starts gute Ergebnisse einzufahren. Wozu Florian Fritsch in der Lage ist, wenn er ohne Druck und Erwartungen Golf spielt, hat er ja eindrucksvoll in dieser Woche bewiesen.

5 Kommentare
  1. rebel
  2. peter behrens
  3. litllefox
    • Linksgolfer

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