Hank Haney: The Big Miss

Tiger Woods ist geizig! Tiger Woods wollte zum Militär gehen! Tiger Woods hat mir nie ein Eis am Stil abgegeben! Die ersten Auszüge aus Hank Haneys “The Big Miss”, die der Verlag publikumswirksam an die Öffentlichkeit brachte, ließen den Verdacht aufkommen, der ehemalige Trainer von Tiger Woods hätte ein sensationsgeiles Enthüllungsbuch über seine Zeit mit dem ehemaligen Weltranglisten-Ersten verfasst. So viel sei verraten: das hat er nicht. Haney hat vermutlich nur einen Bruchteil von dem reingepackt, was er hätte schreiben können und der Verlag hat sich mit den Auszügen einen Bärendienst erwiesen, da viele das Buch jetzt aus Prinzip nicht lesen werden. Doch wenn es kein Enthüllungsbuch ist, was ist es dann? Ein Golfbuch? Sicherlich. Eine Befriedigung narzisstischer Gelüste? Definitiv. Eine Rechtfertigung seiner Arbeit als Trainer? Hundertprozentig. Aber im Grunde ist “The Big Miss” eine unglückliche Romanze im Golfmilieu: die Chronik einer gescheiterten, komplizierten Beziehung und der Versuch von Haney zu verarbeiten, dass sich seine große Liebe von ihm getrennt hat.

Sogar Haney gesteht dies in dem Buch teilweise ein, wenn er gleich im ersten Kapitel über den Tag schreibt an dem er wusste, dass die gemeinsame Zeit vorbei ist: “Letztendlich, mag es einen viel einfachereren Grund für die Kälte geben, die ich von ihm spüre: Er feuert mich auf die konfrontationsfreie Art, die man eher von einer Liebes- als von einer Arbeitsbeziehung kennt.” Also etwa so wie in dem Cameron-Crowe-Klassiker Say Anything… – und zwischen den Zeilen kann man erkennen, dass Haney am liebsten wie John Cusack noch hinzugefügt hätte: Ich gab ihm sein Herz, er gab mir nur einen Stift. Es ist nur eine von vielen Stellen in “The Big Miss”, bei denen man unweigerlich an eine Film-Romanze erinnert wird. Und so gibt es nur eine Möglichkeit, das Buch richtig zu besprechen: indem man die Kapitel mit einer ikonischen Szene aus einem Liebesfilm gleichsetzt.

Kapitel 1: The Last Time

(“But for now, let me say — without hope or agenda (..) — to me, you are perfect. And my wasted heart will love you. Until you look like this”, Tatsächlich Liebe)
Haney und sein Biograph Jaime Diaz, Chefredakteur von Golf Digest, beginnen ihr Buch wie es ein moderner Liebesfilm tut: mit einem Ausbruch aus der Chronologie und der sich ankündigenden Trennung während des Masters 2010. Quasi als wollte man wie in “(500) Days of Summer” von vorn herein klar machen: “You should know upfront, it is not a love story”. Das Interessante ist, dass diese Realisation nicht mit einem Angriff auf Woods einhergeht. Vielmehr schwingt noch immer große Bewunderung für den Golfer Tiger Woods mit und für das was er überwinden musste und was er geleistet hat. Und wenn Haney das Kapitel mit der Aussage endet Nicklaus habe vielleicht die meisten Siege, “aber niemand hat jemals so gut Golf gespielt wie Tiger Woods”, dann ist dies wirklich fast wie die oben zitierte Szene aus “Tatsächlich Liebe”.

Kapitel 2: Beginnings

(” I am the best god damned pilot you’ll ever meet!”, Sechs Tage, sieben Nächte)
Bevor Haney aber richtig in seine Zeit mit Tiger Woods einsteigt, gibt er dem Leser einen Einblick in seinen beruflichen Werdegang. Und hier erkennt man, warum er das Buch geschrieben hat. Nein, es ging ihm nicht ums Geld. Es ging ihm in erster Linie um Selbstbestätigung. Denn Haney ist – und das war anscheinend eine Grundvoraussetzung um ins Team Tiger zu kommen – ein ziemlicher Narziss. Wenn er fallen lässt, dass ein Schüler auf Empfehlung von Ben Hogan zu ihm Haney kam oder dass ein anderer Kunde gesagt haben soll: “Byron Nelson hat mir gesagt, das Beste was ich für meinen Sohn tun kann, ist ihn zu Hank Haney in den Golfunterricht zu schicken”, zeugt dies schon von einer unfassbaren Arroganz.
Glücklicherweise zieht sich dies nicht durch das ganze Kapitel, das zwei hochinteressante Aspekte beinhaltet: Haneys Offenbarung, dass er selber als Golfer mit Yips beim vollen Schwung zu kämpfen hat und seine Analyse der Dynamik zwischen Haneys erstem Schüler Mark O’Meara und Tiger Woods, von der alle drei von ihnen profitierten.

Kapitel 3: Coaching Tiger

(“You had me at hello”, Jerry Maguire)
Am 8.März 2004 beginnt mit einem Telefonanruf in einem texanischen Steakhouse ein neues Leben für Hank Haney. Und wie bei “Jerry Maguire” ein Hallo haben bei Haney die Worte “Hey, Hank” ausgereicht, um ihn in die Beziehung zu locken. Mit diesem Kapitel beginnt für alle, die nicht an Skandalen oder Selbstbeweihräucherung interessiert sind, der spannendste Abschnitt des Buches, der faszinierende Einblicke hinter die Kulissen gewährt und alleine schon den Kauf rechtfertigt. So widerspricht Haney glaubhaft dem Vorurteil, dass Woods keinen Spaß am Ryder Cup und Presidents Cup habe. Tatsächlich würde Tiger bei diesen Events regelrecht aufblühen. Einzig die supertalentierten Spieler, die ihm gefährlich werden könnten – wie Phil Mickelson – würde er auf Distanz halten, weswegen Hal Suttons Paarung der beiden beim Ryder Cup 2004 von vornherein zum Scheitern verurteilt war.
Auch dass Tiger Woods ein Schwamm sei, der jede Schwungänderung sofort aufnehmen würde, sei ein haltloses Vorurteil – was übrigens auch erklärt warum die aktuelle Schwungumstellung so lange Zeit braucht. Regelrecht verblüffend ist aber die Aussage, dass ein Weltklasse-Spieler wie Tiger Woods seine ganze Karriere lang panische Angst vor dem Driver hatte und für all seine großartigen Fähigkeiten im Kurzspiel laut Haney ein eher durchschnittlicher Spieler bei einfachen Chips sei. Offensichtlich braucht er die Herausforderung bei einem Schlag um seine höchste Konzentration aufbringen zu können. Das alles äußert Haney erfreulich sachlich und vorurteilsfrei, allenfalls Bewunderung für den Sportler und Mitleid für den immer im Scheinwerferlicht stehenden Menschen Woods schwingt mit.

Kapitel 4: Greatness

(“Is it still raining? I hadn’t noticed.”, Vier Hochzeiten und ein Todesfall)
Im vierten Kapitel erreicht die Liebesbeziehung zwischen Hank Haney und Tiger Woods ihren Höhepunkt und erinnert an die schnulzigsten Filmmomente. Klar, fällt in diesen Abschnitt doch die Zeit mit den größten gemeinsamen Erfolgen. Auch hier gibt es wieder großartige Einblicke in die technischen Hintergründe von Woods Schwung und die erstaunliche Erkenntnis, dass Woods – der immer als besessen von Rekorden dargestellt wird – während der gemeinsamen Zeit nie von Nicklaus Major-Rekord gesprochen haben soll.
Der Abschnitt, der aber zumindest mir am meisten in Erinnerung bleiben wird, dreht sich um Tigers Ausrüstung. Denn Haney argumentiert, dass Woods der größte Verlierer des technischen Wettrüstens der Golfindustrie war. Je kleiner der Driverkopf war, je größer war Woods Drive-Genauigkeit. Als er 2004 – zwei Jahre später als seine Konkurrenz – gezwungen war auf den 460cc-Driverkopf umzusteigen um bei der Länge vom Tee nicht ins Hintertreffen zu geraten, sanken seine Fairwaytreffer ins Bodenlose. Das Problem laut Haney: die großen Driverköpfe sind auf Fades ausgerichtet während Woods seit jeher den Draw favorisiert. Weil der neue Driver den Draw-Spin nicht mehr so stark annimmt, kamen Tigers Abschläge nicht mehr weit genug zurück und er fand sich immer öfter im rechten Rough wieder. Um dies auszugleichen griff Woods auf einen Uralt-Nike-Ball zurück, der mehr Spin annahm, aber zu den kürzesten auf der Tour zählte. Phil Mickelsons provokante Aussage, dass Tiger Woods mit minderwertigem Material spielt hatte also durchaus Substanz. Es sind solche Insider-Informationen, die “The Big Miss” phasenweise immer wieder zu einem der interessantesten Golfbücher überhaupt machen.

Kapitel 5: Distraction

(“Roses are red, violets are blue… Fuck you, whore!”, (500) Days of Summer)
Für Hank Haney bekam Tigers Aura des Unbesiegbaren einen ersten Kratzer als er beim Accenture Match Play 2007 gegen Nick O’Hern verlor. Entsprechend leitet diese Begebenheit dann auch Haneys kritische Abrechnung mit Woods ein. Haney wirft ihm mangelnden Einsatz beim Training vor, bringt hier seinen Angriff gegen Woods’ angebliche Bessesenheit von den Navy Seals unter und setzt einige weitere Tiefschläge. Und als Leser kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Haney von Woods’ ausbleibenden Erfolgen zu dieser Zeit persönlich angegriffen fühlte. Es ist manchmal schon lustig wie dieses Buch, das eigentlich hinter die Fassade von Woods blicken will, noch mehr psychologische Einblicke auf Hank Haney gewährt – beispielsweise wenn er schreibt “Wenn ich einen Grund nennen sollte warum Tiger in unseren letzten drei gemeinsamen Jahren nur zwei Majors gewonnen hat, dann ist dies seine Arbeitseinstellung”. Oder um es mit dem obigen Zitat von “(500) Days of Summer” zu sagen: “Fuck you whore!”

Kapitel 6: Highest Mountain

(“So it’s not gonna be easy. It’s gonna be really hard. We’re gonna have to work at this every day, but I want to do that because I want you. I want all of you, forever, you and me, every day.”, Wie ein einziger Tag)
Warum hat Tiger Woods mit nur einem Bein die U.S. Open gewonnen? Weil Hank Haney kurz vor Tigers letztem Putt am Sonntag, der ihn ins Playoff mit Rocco Mediate brachte, einen Penny gefunden hat und ihn bis zum Ende des Playoffs in seiner Tasche ließ. Gut, so direkt sagt Haney es nicht, aber alleine dass er so eine Anekdote in sein Buch einbaut, zeigt wie besessen er davon ist, jeden Erfolg von Tiger sich zuschreiben zu können während jeder Misserfolg immer wieder auf mangelnden Einsatz von Tiger zurückzuführen ist. Selektive Wahrnehmung nennt man das wohl, aber solchen Sachen kann man sich vielleicht einfach nicht entziehen wenn man ein so subjektives Buch verfasst.
Unfassbar ist in diesem Kapitel aber zu erfahren, wie schwer die Verletzung von Tiger während der U.S. Open 2008 wirklich war. Diese Insider-Informationen sind bisher noch nie an die Öffentlichkeit gekommen und sie lassen das damals Geleistete noch unvorstellbarer erscheinen.
Auch unterstreicht Haney in diesem Kapitel noch einmal besonders, dass er einen festen Plan hatte um Woods seine Angst vor dem Driver auszutreiben, der jedoch am Widerstand seines Schützlings scheiterte. Und so stand Haney am Ende ähnlich bedröppelt da stand wie Ryan Gosling nach obiger Szene in “Wie ein einziger Tag”. Denn wie Rachel McAdams war Tiger Woods damals nicht bereit, die notwendige Arbeit zu investieren, was in Haneys Augen letztlich der Grund für die Trennung war.

Kapitel 7: Quitting

(“I’m also just a girl, standing in front of a boy, asking him to love her”, Notting Hill)
Ah, der Sexskandal. Endlich. Wer sich jedoch Enthüllungen über Tigers außereheliche Affären erhofft hat, dürfte bitter enttäuscht werden. Denn Haney, der ziemlich sicher nichts vom wilden Treiben wusste, behandelt diese Thematik durchaus mit Klasse und geht weniger auf den Skandal ein als auf die Folgen, die er für die gemeinsame Zusammenarbeit hatte. Während dieser Zeit hatte Haney ziemlich wenig Kontakt zu Woods, der sich derweil andere Schwungideen aneignete, die komplett gegen Haneys Philosophie gingen und am Ende desaströse Resultate hatten. Diese kulminierten beim Masters 2010 womit sich der Kreis zum Auftakt des Buches schließt. Das Turnier war der Anfang vom Ende, weil – so ist Haneys Sicht – Tiger überhaupt nicht mehr aufnahmebereit für die Vorschläge seines Trainers war. Und so führte eines zum anderen bis Haney selber Schluss machte – passenderweise per SMS. Dabei wollte Haney wie Julia Roberts in “Notting Hill” doch einfach nur geliebt und respektiert werden.

Kapitel 8: Adding It Up

(“I might be the only one who appreciates how amazing you are in every single thing that you do. (…) And the fact that I get it makes me feel good, about me.”,Besser geht’s nicht)
Damit hätte das Buch eigentlich enden können, aber Hank Haney wäre nicht Hank Haney, wenn er nicht noch eine offene Rechnung begleiten würde. Nicht mit Tiger Woods, sondern mit allen Kritikern, die ihm vorwerfen, er hätte den besten Schwung der Golfgeschichte zerstört. Und so breitet Haney genüsslich seine Erfolgsbilanz aus und erklärt warum Tiger unter ihm ja viel besser gewesen sei als unter Butch Harmon. All das basiert er auf einer einzigen Zahl: dem Prozentsatz der Siege. Unter ihm habe Tiger 35% seiner Starts gewonnen während er unter Harmon nur 31% gewann. Und damit wischt Haney sämtliche anderen Argumente (weniger GiRs, schlechtere Drive-Genaugkeit, etc.) vom Tisch. Dass die meisten Golfer erst mit den Jahren zur Hochform auflaufen und eine solche Entwicklung eigentlich zu erwarten ist, ignoriert er dabei geflissentlich.
Von großer Ironie sind dabei dann aber Haney Feststellungen, er wolle “damit nicht andeuten, dass ich mir Tigers Bilanz ans Revers hefte” (dann würde er ja auch Ärger mit Steve Williams bekommen, der ja bekanntlich die ganzen Siege einfuhr) und überhaupt scheue er ja das Rampenlicht (weswegen er ja auch das Buch geschrieben hat). Mit solchen Aussagen diskreditiert sich der Star-Trainer leider ebenso selbst wie mit der Unterstellung Tiger hätte sich beim Masters 2011 gar nicht wirklich verletzt (“Es war eine überraschende Aussage, schließlich hat er Sonntag so gut gespielt und nicht gehumpelt”) – wo er doch selber ein paar Kapitel davor sich darüber echauffierte, dass Außenstehende zu seinen Trainerzeiten bei der U.S. Open behaupteten, Tiger hätte die Schwere seiner Verletzung übertrieben.

Es ist ein wenig schade, dass Haneys persönliche Agenda in dem Buch immer wieder so deutlich hervorbricht. Denn wenn man diese zwischen den Zeilen eingeschobenen Untertöne weglässt, ist “The Big Miss” ein herausragendes Golfbuch und ein faszinierender Einblick darin, was alles hinter sportlichen Höchstleistungen steckt und welche persönlichen Opfer man bringen muss, um an die absolute Weltspitze zu kommen. Auch wenn Tiger Woods und sein Management nicht einen Moment auslassen, um Haney – in vielen Teilen sicher zu Recht – für sein Buch zu attackieren: Tatsache ist, dass sein ehemaliger Trainer Woods eigentlich einen Gefallen getan hat. Wer das Buch komplett und nicht nur in Auszügen liest, versteht, warum Tiger Woods so ist wie er ist – von der sportlichen Brillanz bis zu den menschlichen Defiziten.
Natürlich sind Ausraster wie beim diesjährigen Masters mit dem Schlägertreten nicht zu akzeptieren, doch man ertappt sich als Leser dabei zu fragen, wie wohl die als Gentlemen-Golfer geltenden alten Recken geworden wären, wenn sie dermaßen unter dem Mikroskop gestanden hätten. Tiger Woods mag Millionen auf dem Konto und sich für immer in der Sportgeschichte verewigt haben. Mit ihm tauschen möchte man aber sicher nicht. Das weiß auch Haney und so wirkt sein Schlusssatz “Ich wünsche ihm alles Gute” weit weniger zynisch als man vermuten möchte. Denn auch das klingt immer wieder durch: Haney mag, nein liebt, Tiger Woods immer noch. Und so ist “The Big Miss” in gewisser Weise eine sehr bizarre und ungelenke Liebeserklärung wie sie Jack Nicholson nicht besser hätte verfassen können.

Ein Kommentar
  1. Lorili

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