Ein Pro-Am mit John Daly or How I Stopped Worrying and Learned to Like the Bomber

Wenige Tage vor Beginn der BMW International Open erreichte mich die mail einer Werbeagentur. Die elektronische Post schon halb in den Spam-Ordner verschoben, wagte ich doch noch einen Blick hinein und las Überraschendes. Man würde die PR-Arbeit für – Achtung: Werbung! – Emirates Airlines leisten und mich gerne zum offiziellen Pro-Am im Rahmen der BMW Open einladen. “Na da hat sich der Flug im Mai nach Dubai ja schon mal gleich rentiert – da buch ich gleich noch mal”, war mein erster Gedanke. Aber weit gefehlt: Tatsächlich war man auf mich aufgrund dieses kleinen Golfblogs gestoßen, da die Fluglinie gerne ein paar digitale Medienschaffende dabei haben wollte, statt immer nur den klassischen Medien, die sich im Feld der 2011er Ausgabe tummelten. (PDF zum 2011er Turnier).

Misstrauisch wie ich bin, war mein erster Gedanke, dass als Gegenleistung sicherlich kostenlose Werbung auf der Seite oder redaktionell verschleierte Werbeartikel verlangt würden – ganz so wie es die Elite des deutschen Golfjournalismus macht. Aber tatsächlich war die einzige Bedingung, einen Artikel über das Erlebnis zu verfassen und während des Turniers im Outfit des Sponsors herumzulaufen. Ein überraschend kleiner Preis, den ich (ebenso wie Blogger-Kollege Karsten Kuhnen, dessen Artikel sich hier findet) gerne bereit war zu zahlen. Schließlich bekommt man nicht jeder Tage die Gelegenheit einen Platz unter Tour-Konditionen zu testen – und das auch noch mit einem echten European-Tour-Mitglied an seiner Seite. Die Frage war nur: mit wem?

Insgesamt 48 Profis wurden für das Turnier zwangsverpflichtet. Denn, was man wissen muss: so ein Pro-Am ist für die Profis keinesfalls ein Vergnügen. Während sie sich fünf Stunden lang die schlechten Golfschwünge von Amateuren anschauen müssen, stehen ihre 100 Kollegen aus der zweiten Garde, die sich um das Pro-Am drücken konnten, entspannt auf der Driving Range und dem Putting Grün herum, feilen an ihrem Spiel und genießen die perfekte Vorbereitung auf das Turnier. Und das Woche für Woche. Denn an den Mittwochs-Pro-Ams nehmen zu 90% die gleichen Namen teil. Sind sie doch ein Zugeständnis an die Sponsoren des Turniers, die ihr finanzielles Engagement dadurch ein wenig vergütet bekommen, dass sie gute Kunden oder Kontakte mit einem Platz an der Seite eines Top-Profis umschmeicheln können. Insofern kann man auch nicht böse sein, dass Martin Kaymer für Otto-Normalverblogger nicht zur Auswahl stand, da seine Dienste von BMW für die Sportstars Rene Adler, Bruno Spengler und Andreas Möller reserviert waren.

Aber alle 47 anderen Profis waren Fair Game bei der Draw Party, die am Dienstagabend vor dem Turnier stattfindet – alle bis auf Miguel Angel Jimenez. Der spanische Publikumsliebling war der Trostpreis des Abends. Denn das Prozedere dieser Auslosung ist folgendermaßen: jeder 3er-Flight bekommt eine Nummer zugeteilt. Diese Nummern stehen auch auf Golfbällen, die gezogen werden. Wer als erstes aus dem Topf kommt, hat die freie Auswahl. Der zweite darf aus den verbliebenen Profis wählen, und so weiter. Die spanische Ballerina war für diejenigen reserviert, die als letztes gezogen wurden – eine faire Geste.

Es blieben also noch 46 Namen, darunter Größen wie Sergio Garcia, Colin Montgomerie, Retief Goosen, José Maria Olazábal, Paul Casey, Alvaro Quiros, John Daly, Henrik Stenson, Vorjahressieger Pablo Larrazábal und natürlich die Lokalmatadoren Bernhard Langer, Marcel Siem und Alex Cejka. Eine Zusammenstellung, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Doch nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung bekommt man am Ende dann meist ja doch eher jemanden aus der Kategorie James Morrison von dem – seien wir doch mal ehrlich – die eine Hälfte der Pro-Am-Teilnehmer noch nie etwas gehört hat, und die andere sich freut, dass der Leadsänger der “Doors” doch noch am Leben ist. Aber für den Fall der Fälle hatte ich mir natürlich meine Gedanken gemacht und meine Favoriten-Liste erstellt:





Die ganze Sache hatte nur einen Haken: Sowohl Kollege Kuhnen, dem ich bei der Wahl von John Daly mit einem Dislike auf Facebook und noch deutlich höheren Strafen gedroht hatte, als auch ich konnten bei der Draw Party am Dienstag noch nicht anwesend sein und mussten uns komplett auf das Händchen des uns unbekannten dritten Amateurs verlassen. Und was für ein Händchen dieser hatte, sollte sich schon bald herausstellen. Wie der sehr sympathische Mitspieler uns vor dem Pro-Am erzählte, hatte Losfee Jimenez als erstes die Nummer 27 gezogen, die zuvor unserem Flight zugeordnet worden war. Und aus dem gesamten Pool der Spieler fiel seine Wahl natürlich auf meine absolute Persona Non Grata John Daly. Wäre ich Alanis Morrisette, hätte ich einen Hit daraus geschrieben.

Warum ich so ungern mit Daly zusammenspielen wollte, wo er doch in Köln einer der absoluten Publikumslieblinge war und 3/4 der anderen Spieler freiwillig mit mir getauscht hätten? Es hat weder mit seiner gewöhnungsbedürftigen Kleidungswahl, noch mit seinem von Alkoholismus, Spielsucht und anderen Eskapaden geprägten Lebensstil zu tun, sondern einzig und allein mit seinem Verhalten auf dem Platz und seinem Verhältnis zum Golfsport allgemein. (Details finden sich in meinem Artikel aus dem letzten Jahr). Doch da lamentieren ohnehin nicht geholfen hätte, hieß es Zähne zusammenbeißen und das Ganze durchziehen – schließlich findet man überall auf der Welt Mitspieler, die man sich jetzt nicht gerade gewünscht hat, und für mich erschloss sich der Reiz des Pro-Ams ohnehin weniger im prominenten Partner sondern in der Neugier auf den Platz.

Und da hatte sich Gut Lärchenhof prächtig herausgeputzt. Von den angeblichen Problemen, die es im Vorfeld des Turniers gegeben hat, und die einen intensiven, wochenlangen Einsatz von Botanikern der European Tour notwendig gemacht haben sollen, war nichts zu sehen. Die Grüns waren in einem perfekten Zustand und schnell (wenn auch aufgrund des vielen Regens für Amateure nicht so unspielbar wie man vermutet hätte), und das Rough hatte bereits im Second Cut eine so saftige Dicke, dass die Bälle darin regelrecht verschwanden und von jemanden, der nicht alltäglich mit solchen Bedingungen zu tun hat, nicht mehr kontrollierbar rauszuspielen waren.

Aus diesem Grund gab es für die Amateure natürlich auch kein Zählspiel. Stattdessen wurde ein Modus namens “Par is your Friend” angewendet, der im Grunde eine erweiterte Version des Stableford-Wettspiels ist, bei dem man nur schon einen Schlag vorher aufhebt – statt bei einem Netto-Bogey bei einem Netto-Par – und dennoch für sich ein Par aufgeschrieben bekommt. Ein Wettspiel, das nicht sonderlich viel Spaß macht, aber natürlich einen nachvollziehbaren Grund hat: die Profis wollen schließlich nicht ewig auf dem Platz herumhängen. Genützt hat es dennoch nichts. An jedem Loch konnten wir uns intensivst die Rückseite von Sergio Garcia einprägen, denn die Runde im Vierer-Flight dauerte sage und schreibe 5 Stunden und 30 Minuten – und dennoch schaffte es unser elendig langsamer Altstar (und spätere Pro-Am-Sieger) Bernhard Langer mit seiner Gruppe einen Rückstand von zwei Löchern aufzubauen. Es war so schlimm, dass ich kurz davor war zu fragen, ob Oberschiedsrichter John Paramor – der an Loch 16 in seinem Buggy vorbeigefahren kam – nicht ein paar Ross Fishers verteilen möchte.

Die lange Wartezeit bedeutete natürlich auch, dass ich mehr Zeit hatte meinen besten Freund John kennenzulernen. Und auch wenn ich jetzt nicht davon sprechen würde, dass er mir nach dem Tag mega-sympathisch geworden wäre, legte er doch eine natürlich wirkende Freundlichkeit an den Tag und begann von sich auch mit Smalltalk (Wo kommst Du her? Was machst Du beruflich?), beantwortete wenn wir zufällig mal den gleichen Weg hatten einige Fragen (seine Anreise aus Arkansas war witterungsbedingt katastrophal, weil er einen Anschlussflug verpasste und einen Tag später als geplant ankam; Er bleibt jetzt erst einmal bis zur Open Championship in Europa; Der Open-Platz in Royal Lytham liegt ihm eigentlich, auch wenn er ihm den Driver aus der Hand nimmt) und hatte an Loch 6 so viel Mitleid mit meinem Spiel, dass er mir einen Tipp offerierte (der eher kontraproduktiv war, aber die gute Geste zählt).

Denn tatsächlich begann mein Spiel an diesem Tag katastrophal. Nicht, weil ich nervös war mich zu blamieren (Bahn 1 spielte ich trotz schwierigster Lagen souverän), oder weil mich die Anwesenheit eines zweifachen Major-Siegers einschüchterte (der Kontakt mit Stars ist aufgrund meines Berufs mittlerweile halbwegs Routine), sondern einfach weil ich einen gebrauchten Tag erwischte und von Loch 2 bis Loch 6 alles nach rechts hookte. Und zwar so extrem, dass John Daly ungläubig lachte als ich ihm erzählte, dass mein Standard-Schlag eigentlich ein Fade ist.

Doch ausgerechnet an Bahn 7, die in Lärchenhof künftig in “Siem’s Bathtub” umgetauft wird, drehte sich die Runde. Ich schlug mein Hybrid zwei Meter an die Fahne (natürlich ohne den Putt zu versenken), traf anschließend jeden Drive (an der 9 sogar so gut, dass der Ball 50 Meter vor Dalys lag und ich nur noch ein Pitching Wedge ins Grün hatte), spielte einige Pars und schlug an Bahn 12 meinen zweiten Schlag aus dem Rough so gut aufs Grün, dass Daly aus seinen Routine-Sprüchen wie “Way to go” oder “Nice shot, Bud” ausbrach und mir ein “You’re on fire” entgegen rief. Dummerweise ließ jedoch der Regen nicht nach und das Feuer erlosch auch schnell wieder. Einzig an den Bahnen mit Tribünen und größeren Zuschaueransammlungen spielte ich richtig gutes Golf: Auf der 9, 10, 16 17 und 18 zusammen eins über Par. Vielleicht sollte ich mir für den nächsten Monatspreis einen eigenen Fanclub zulegen.

Einen solchen hat Daly natürlich bereits, auch wenn er sich an diesem verregneten Tag auf eine Person beschränkte, die ihn 18 Loch begleitete. Aber je näher man dem Clubhaus kam, tauchten immer wieder Personen auf, die tatsächlich eine Hose aus seiner Kollektion käuflich erworben hatten (Dalys eigene blieb dankenswerterweise aufgrund des Regens 16 Loch unter einer schwarzen Regenhose versteckt), ihn um Autogramme baten und sogar ein Foto mit ihm bekamen. Das Ganze erledigte Daly mit einer Engelsgeduld, was sicherlich nicht leicht für ihn war. Andererseits muss man aber auch sagen, dass er – der mittlerweile fast ausschließlich auf Sponsoren-Einladungen angewiesen ist – natürlich einen größeren Druck hat, sich mit dem Publikum und den Mitspielern beim Pro-Am gut zu stellen, damit er auch beim nächsten Mal wieder eine Einladung bekommt.

Einzig die Greenkeeper dürften nicht gut auf Daly zu sprechen sein. Nicht, weil er bei seinen immer noch beeindruckend langen Schlägen die Fairways und Teeboxen umgrub, sondern weil er rauchte wie ein Schlot und seine Kippen links und rechts auf den Spielbahnen verteilte. Aber ein Vorbild wollte Daly ohnehin noch nie sein. Immerhin hat der auf Unterwäschemodel-Maße erschlankte Daly seine Ernährung umgestellt: Statt Coke gibt es für ihn auf der Runde nur noch Diet Coke. Und die genießt er nicht etwa aus der Flasche. Nein, Daly hat immer einen extragroßen Halbliter-Plastikbecher dabei, den ihm sein Caddy (der mir zu meinem und auch seinem eigenen Erstaunen erzählte, dass er es mittlerweile seit 11 Jahren an Dalys Seite ist) aus dem Tourbag reicht, und den er dann auf den 300 Metern vom Abschlag zum Landepunkt seines Balles leert.

Ein Mann des Volkes eben, und das beweist er auch bei seinem Golfspiel. Denn Daly schafft es wie unsereins halt auch mal eben den Ball 60 Meter aus der Richtung ins dickste Gestrüpp zu hauen. Dass er daraus aufgrund seine Stärke dann trotzdem aufs Grün spielt – Schwamm drüber. Fakt ist, dass Daly die Leiden des Freizeit-Hackers gut nachvollziehen kann, weil er solche Lagen aus eigener Erfahrung kennt. Doch der beeindruckendste Schlag der Runde kam nicht etwa mit dem Driver oder einem langen Eisen aus dem Rough: er kam mit dem Lob-Wedge. Während seine drei Amateure langweilig aufs Grün spielten, verzog Daly seinen Abschlag an Loch 17 rechts neben das Grün. Im dicken Rough liegend, vor ihm ein mindestens 15 Meter hoher Baum stehend, zückte Daly das Lob Wedge, öffnete das Schlägerblatt und zauberte den Ball über die höchste Stelle des Baumes 50cm an die Fahne – und das Ganze ohne länger als 5 Sekunden über den Schlag nachzudenken. Und spätestens in diesem Moment war jedem von uns drei Amateuren klar: Wir nennen uns zwar auch wie John Daly und Co. Golfer, aber in Wirklichkeit spielen diese Jungs einen komplett anderen Sport.

9 Kommentare
  1. Exilgolfer
  2. Alexander Hauser
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